Vor der Reise
2 Kommentare „Irgendwann hält immer ein Auto“
120.000 Kilometer hat Ralf Platschkowski in den vergangenen sechs Jahren zurückgelegt – per Anhalter. Der 25-Jährige schreibt für die Plattform hitchwiki.org und sitzt im Vorstand von Abgefahren e.V., dem ersten deutschsprachigen Trampverein. Im Interview gibt mir Ralf Tipps für meine Reise – und verrät den häufigsten Anfängerfehler von Anhaltern.
Beim Blick auf meine Reiseroute: Habe ich mir als Anhalter-Anfänger zu viel vorgenommen?
Ralf: Überhaupt nicht! Ich bin sicher, dass Du zügig und ohne große Schwierigkeiten vorankommen wirst. Deutschland ist ein sehr gutes Land für Anhalter. Und Du reist auch noch größtenteils entlang Autobahnen – wir nennen das scherzhaft U-Bahnfahren, weil es so einfach und schnell geht.
Mit wie vielen Kilometern rechnest Du, wenn Du durch Deutschland trampst?
Ralf: Ich setze so 50 bis 70 Kilometer pro Stunde an. Wenn ich ausschließlich auf Autobahnen reise, sind es sogar rund 100 Kilometer pro Stunde.
Aber das wären ja bis zu 800 Kilometer pro Tag?
Ralf: Ja, das ist keine Seltenheit. Ich bin 2006 nach dem Zivildienst zum ersten Mal per Anhalter gefahren. Mit einem Freund wollte ich einen Monat lang von Osnabrück nach Süddeutschland reisen und hatte zwei bis drei Wochen für den Trip nach München eingeplant. Doch schon nach zwei Tagen waren wir am Bodensee, danach ging’s weiter nach Italien und Tschechien.
Was fasziniert Dich so am Anhalterfahren?
Ralf: Anfangs war es vor allem die Möglichkeit, kostenlos und schnell zu reisen. Inzwischen geht es mir aber weniger ums Geld, sondern um die Menschen, denen man begegnet. Ich habe die tollsten Geschichten erlebt, bin mit Fahrern ins Philosophieren gekommen, manchmal erzählen sie sogar die privatesten Dinge.
Gab es auch unschöne Erlebnisse?
Ralf: In Serbien hat mir ein Fahrer eine Zigarette angeboten – oder so habe ich ihn zumindest verstanden. Als ich ablehnte, ist er furchtbar wütend geworden und hat mich angebrüllt. Das war so ein Militärtyp. Da habe ich die Zigarette halt genommen, zwei Züge gepafft und sie aus dem Fenster geschmissen.
Und das war das Gefährlichste in all den Jahren?
Ralf: Ja. Die ganzen Geschichten von Anhaltern, die entführt, beraubt oder sonst was werden, verdanken wir hauptsächlich Hollywood. Zwei Freundinnen von mir sind gemeinsam durch Russland nach China getrampt – monatelang, ohne dass etwas passiert wäre. Zurück in Deutschland ist eine der beiden eine Woche später ausgeraubt worden. Daheim im Treppenhaus.
Also reist Du vollkommen sorglos?
Ralf: Ich höre auf mein Bauchgefühl. Wenn jemand anhält, bei dem ich auch nur einen Anflug von Zweifeln habe, steige ich nicht ein. Vor allem, wenn zwei Männer im Auto sitzen, überlege ich mir das gründlich. Und bei drei Männern fahre ich aus Prinzip nicht mit – egal wie nett sie auch rüberkommen.
Eine praktische Frage: Daumen rausstrecken, Schild hochhalten oder Fahrer an Rastplätzen und Tankstellen direkt ansprechen?
Ralf: Das ist eine Frage, die unter Anhaltern heiß diskutiert wird. Ich selbst stelle mich einfach an die Straße und halte den Daumen raus. Wichtig ist dabei, dass man einen guten Platz wählt.
Wie sollte der aussehen?
Ralf: Der Fahrer muss genug Raum haben, um sicher anhalten zu können – also mindestens eine Autolänge vor und zwei Autolängen hinter meinen Platz. Gut sind beispielsweise Bushaltestellen oder Einbuchtungen. Auf dem Land stelle ich mich einfach neben das Ortsausgangsschild.
Und dann freundlich lächeln und warten?
Ralf: Genau. Außerdem würde ich Dir raten, eine bunte Jacke zu tragen. Am besten gelb oder rot – das hat eine Studie aus Frankreich gezeigt. Am seltensten wurden Anhalter in schwarzer Jacke mitgenommen.
Was sind das überhaupt für Menschen, die Anhalter in Deutschland mitnehmen?
Ralf: Das lässt sich nicht verallgemeinern, das geht quer durch die Gesellschaft – vom Geschäftsmann im BMW über den Deutsch-Türken im Ford bis hin zur Mutter im Kombi. Auch die Automarke ist kein Indiz: Ich habe anfangs immer gedacht: Jetzt kommt ein Volvo, der nimmt mich sicher mit – doch nichts war’s.
Und wahrscheinlich viele LKW-Fahrer?
Ralf: Gar nicht, in Deutschland fahre ich zu neunundneunzig Prozent mit Autos. Vor allem viele deutsche LKW-Fahrer dürfen von ihrer Spedition aus keine Anhalter mitnehmen.
Welchen Fehler begehen Anfänger am häufigsten beim Trampen?
Ralf: Ein typischer Fehler ist es, auf den Fahrer zu hören – so komisch das klingt. In der Regel hat man seine Route vorher gut geplant; doch dann schlägt der Fahrer eine andere Ausstiegsstelle vor, weil diese angeblich besser sei. Bei mir war meistens das Gegenteil der Fall: Das waren dann Stellen, wo nichts los ist oder die Autos nur schwer anhalten können.
Zuletzt noch ein Tipp, den jeder Anhalter-Anfänger beherzigen sollte?
Ralf: Ganz spontan fällt mir ein: Don’t panic! Hab Geduld, irgendwann kommt immer ein Auto, das einen mitnimmt – selbst im Nirgendwo.
- Webseite des Vereins Abgefahren
- Webseite von hitchwiki.org
- Webseite der Deutschen Trampsport Gemeinschaft, die Wettkämpfe im Sporttrampen in Deutschland ausrichtet
- Was ist Sporttrampen? Hierzu ein Bericht der Deutschen Welle bei Youtube

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