Feb 15, 2012 - Vor der Reise    2 Kommentare

Irgendwann hält immer ein Auto“

Ralf Platsch­kow­ski auf Anhal­ter­tour in Serbien.

120.000 Kilo­me­ter hat Ralf Platsch­kow­ski in den ver­gan­ge­nen sechs Jah­ren zurück­ge­legt – per Anhal­ter. Der 25-Jährige schreibt für die Platt­form hitchwiki.org und sitzt im Vor­stand von Abge­fah­ren e.V., dem ers­ten deutsch­spra­chi­gen Tramp­ver­ein. Im Inter­view gibt mir Ralf Tipps für meine Reise – und ver­rät den häu­figs­ten Anfän­ger­feh­ler von Anhaltern.

Beim Blick auf meine Rei­se­route: Habe ich mir als Anhalter-Anfänger zu viel vorgenommen?

Ralf: Über­haupt nicht! Ich bin sicher, dass Du zügig und ohne große Schwie­rig­kei­ten vor­an­kom­men wirst. Deutsch­land ist ein sehr gutes Land für Anhal­ter. Und Du reist auch noch größ­ten­teils ent­lang Auto­bah­nen – wir nen­nen das scherz­haft U-Bahnfahren, weil es so ein­fach und schnell geht.

Mit wie vie­len Kilo­me­tern rech­nest Du, wenn Du durch Deutsch­land trampst?

Ralf: Ich setze so 50 bis 70 Kilo­me­ter pro Stunde an. Wenn ich aus­schließ­lich auf Auto­bah­nen reise, sind es sogar rund 100 Kilo­me­ter pro Stunde.

Aber das wären ja bis zu 800 Kilo­me­ter pro Tag?

Ralf: Ja, das ist keine Sel­ten­heit. Ich bin 2006 nach dem Zivil­dienst zum ers­ten Mal per Anhal­ter gefah­ren. Mit einem Freund wollte ich einen Monat lang von Osna­brück nach Süd­deutsch­land rei­sen und hatte zwei bis drei Wochen für den Trip nach Mün­chen ein­ge­plant. Doch schon nach zwei Tagen waren wir am Boden­see, danach ging’s wei­ter nach Ita­lien und Tschechien.

Was fas­zi­niert Dich so am Anhalterfahren?

Ralf: Anfangs war es vor allem die Mög­lich­keit, kos­ten­los und schnell zu rei­sen. Inzwi­schen geht es mir aber weni­ger ums Geld, son­dern um die Men­schen, denen man begeg­net. Ich habe die tolls­ten Geschich­ten erlebt, bin mit Fah­rern ins Phi­lo­so­phie­ren gekom­men, manch­mal erzäh­len sie sogar die pri­va­tes­ten Dinge.

Gab es auch unschöne Erlebnisse?

Ralf: In Ser­bien hat mir ein Fah­rer eine Ziga­rette ange­bo­ten – oder so habe ich ihn zumin­dest ver­stan­den. Als ich ablehnte, ist er furcht­bar wütend gewor­den und hat mich ange­brüllt. Das war so ein Mili­tär­typ. Da habe ich die Ziga­rette halt genom­men, zwei Züge gepafft und sie aus dem Fens­ter geschmissen.

Und das war das Gefähr­lichste in all den Jahren?

Ralf: Ja. Die gan­zen Geschich­ten von Anhal­tern, die ent­führt, beraubt oder sonst was wer­den, ver­dan­ken wir haupt­säch­lich Hol­ly­wood. Zwei Freun­din­nen von mir sind gemein­sam durch Russ­land nach China getrampt – mona­te­lang, ohne dass etwas pas­siert wäre. Zurück in Deutsch­land ist eine der bei­den eine Woche spä­ter aus­ge­raubt wor­den. Daheim im Treppenhaus.

Also reist Du voll­kom­men sorglos?

Ralf: Ich höre auf mein Bauch­ge­fühl. Wenn jemand anhält, bei dem ich auch nur einen Anflug von Zwei­feln habe, steige ich nicht ein. Vor allem, wenn zwei Män­ner im Auto sit­zen, über­lege ich mir das gründ­lich. Und bei drei Män­nern fahre ich aus Prin­zip nicht mit – egal wie nett sie auch rüberkommen.

Eine prak­ti­sche Frage: Dau­men raus­stre­cken, Schild hoch­hal­ten oder Fah­rer an Rast­plät­zen und Tank­stel­len direkt ansprechen?

Ralf: Das ist eine Frage, die unter Anhal­tern heiß dis­ku­tiert wird. Ich selbst stelle mich ein­fach an die Straße und halte den Dau­men raus. Wich­tig ist dabei, dass man einen guten Platz wählt.

Wie sollte der aussehen?

Ralf: Der Fah­rer muss genug Raum haben, um sicher anhal­ten zu kön­nen – also min­des­tens eine Auto­länge vor und zwei Auto­län­gen hin­ter mei­nen Platz. Gut sind bei­spiels­weise Bus­hal­te­stel­len oder Ein­buch­tun­gen. Auf dem Land stelle ich mich ein­fach neben das Ortsausgangsschild.

Und dann freund­lich lächeln und warten?

Ralf: Genau. Außer­dem würde ich Dir raten, eine bunte Jacke zu tra­gen. Am bes­ten gelb oder rot – das hat eine Stu­die aus Frank­reich gezeigt. Am sel­tens­ten wur­den Anhal­ter in schwar­zer Jacke mitgenommen.

Was sind das über­haupt für Men­schen, die Anhal­ter in Deutsch­land mitnehmen?

Ralf: Das lässt sich nicht ver­all­ge­mei­nern, das geht quer durch die Gesell­schaft – vom Geschäfts­mann im BMW über den Deutsch-Türken im Ford bis hin zur Mut­ter im Kombi. Auch die Auto­marke ist kein Indiz: Ich habe anfangs immer gedacht: Jetzt kommt ein Volvo, der nimmt mich sicher mit – doch nichts war’s.

Und wahr­schein­lich viele LKW-Fahrer?

Ralf: Gar nicht, in Deutsch­land fahre ich zu neun­und­neun­zig Pro­zent mit Autos. Vor allem viele deut­sche LKW-Fahrer dür­fen von ihrer Spe­di­tion aus keine Anhal­ter mitnehmen.

Wel­chen Feh­ler bege­hen Anfän­ger am häu­figs­ten beim Trampen?

Ralf: Ein typi­scher Feh­ler ist es, auf den Fah­rer zu hören – so komisch das klingt. In der Regel hat man seine Route vor­her gut geplant; doch dann schlägt der Fah­rer eine andere Aus­stiegs­stelle vor, weil diese angeb­lich bes­ser sei. Bei mir war meis­tens das Gegen­teil der Fall: Das waren dann Stel­len, wo nichts los ist oder die Autos nur schwer anhal­ten können.

Zuletzt noch ein Tipp, den jeder Anhalter-Anfänger beher­zi­gen sollte?

Ralf: Ganz spon­tan fällt mir ein: Don’t panic! Hab Geduld, irgend­wann kommt immer ein Auto, das einen mit­nimmt – selbst im Nirgendwo.

 

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