
Überraschungsei Anhalterreise: Wer den Daumen reckt, weiß nie, was einen im Auto erwartet.
„Die hier habe ich immer dabei“, sagt Tunis, greift hinter sich, angelt ein paar schwarze Lederhandschuhe hervor — und donnert sie krachend aufs Armaturenbrett. Krachend? „Da ist Quarzsand eingenäht“, verrät der 39-Jährige und grinst mich an. „Damit ich mich bei Schlägereien nicht mehr selbst verletze.“
Nun wird mir doch etwas mulmig auf dem Beifahrersitz. Mein Blick wandert zur Handbremse; im Geiste sehe ich mich wie James Bond aus dem fahrenden Auto hechten. „Ich habe mir nämlich schon oft beim Zuschlagen die Finger gebrochen“ — zum Beweis wedelt Tunis seine Hand vor meinen Augen auf und ab. „Und auch hier am Kopf habe ich Wunden.“ Tunis wischt sein penibel gestyltes Haar aus der Stirn, beugt sich zu mir und präsentiert seine Narben — bei 140 Stundenkilometern auf der Autobahn. „Ich schlage nämlich mit Fäusten und Kopf zu. Mach ich immer so“, sagt Tunis.
Rückblende: Am Stadtrand von Cottbus stoppt ein klappriger Dacia neben meinem ausgestreckten Daumen. „Berlin? Klar, steig ein“, ruft Tunis durchs Fenster. „Ich bin gerade arbeitslos und fahre da hin, weil mir langweilig ist.“ Ich verstaue also meinen Rucksack auf der Rückbank neben dem Kindersitz, schnalle mich an — und werde in den folgenden 90 Minuten Zeuge eines einmaligen Schauspiels: Tunis‘ One-Man-Show, bei der ich lediglich als Stichwortgeber diene in einem an Inhaltsfülle und Tempo beeindruckenden Monolog.
Wenn Tunis in seinem Mischmasch aus Berlinerisch, Cottbusserisch, Hochdeutsch und Deutschtürkisch loslegt, klingt das ungefähr so: „IschhabmitdenNaziskeeneProbleme, weißte, dielassenmichinRuhe. Nureenmal, weißte, dahatsoneGlatze, hatsoausdemAutogebrüllt, weißte, brüllterso VerschwindeduAusländer gehzurückwoduherkommst undso. AlsoziehichmeineLederjackeaus, soneschwereLederjacke, weißte. Unddasagich, sozuihm, SteigausduscheissNazi!, weißte. TraudichdochduSchwein!“
Ich sollte anmerken: Für diese fünf Sätze braucht Tunis höchstens zwei Sekunden — und das, obwohl er seine Geschichte mit Händen, Füßen, Gesten, Geräuschen und wechselnden Stimmlagen untermalt. „Undweißte, dasteheichdannvordemAuto, weißte, stehichda. Undwasmachter? DerNazipisstsichindieHose. PisstsichindieHose!“ Tunis schüttelt sich vor Lachen. Er blickt zu mir, sieht mein Grinsen, lacht noch lauter. „DieserNaziwareinSchrank, weißte, sogroßundfett, weißte, unddannfährtdereinfachdavon. ZiehtdenSchwanzein!“
Wäre ich ARD-Chef — Tunis hätte eine eigene Late-Night-Show sicher. Mühelos springt er in seiner Lebensgeschichte hin und her, erzählt von den elf Jahren als Verkäufer in Antalya („Da hab ich gelogen, dass sich die Balken biegen.“), von seiner Frau („Die ist Beamtin, die hat sich an den Staat verkauft.“), von seinem Einbürgerungsversuch („Die wollten, dass ich einen Sprachtest mache. Ich! Also bin ich Türke geblieben. Was bringt mir ein deutscher Pass?“), von seinen Träumen („Bis 50 will ich so hunderttausend Euro beiseite geschafft haben — Banküberfall, Lotto oder Sparen, egal. Und dann wandern wir nach Antalya aus.“) und von seiner Tochter, die jüngste Abgeordnete aller Zeiten im Cottbusser Stadtrat. („Inzwischen hat sie ihr Amt niedergelegt, weil sie wegen ihres Studiums keine Zeit mehr hat. Die ist einfach zu ehrlich für einen Politiker. Das hat sie vom Großvater.“)
Eineinhalb Stunden später zieht Tunis seinen Dacia rechts ran, direkt am Hermannplatz, Berlin Neukölln. Ich bin nahe dran, ihn zu bitten, noch ein paar Runden — und damit ein paar Anekdoten lang — zu drehen. Doch ich mich entscheide dagegen, steige aus und verabschiede mich von Tunis, der mir so offen und ausführlich aus seinem Leben erzählt hat.
Und damit ist er nicht allein: Als würde mit meinem Zusteigen der Fahrersitz zur Psychiatercouch, schütten viele Anhalter dem unbekannten Tramper ihr Herz vor die Füße. Etwa der liebenswürdige Altenburger, der mich auf dem Heimweg vom Grab seiner Ehefrau aufgabelte. Sie sei erst vor drei Wochen gestorben, berichtete er offenherzig, und erzählte mir im folgenden Gespräch von seinem Seelenleben nach dem Tod.
Oder der Unternehmer in lila Cordhose, der kurz vor Cottbus auf seine Militärzeit in der DDR zu sprechen kam: „Ich war auch an der Grenze. Ich musste zum Glück nie auf jemanden schießen. Aber wenn es dazu gekommen wäre, weiß ich nicht, was ich getan hätte. Vielleicht hätte ich absichtlich daneben gezielt, vielleicht auch nicht. Das kann jetzt keiner sagen.“
Oft freilich sind es weit weniger dramatische Berichte, sondern kurze Einblicke in die eigene Lebensgeschichte. Oder längere — wie in Tunis‘ Fall. Erst als am Straßenrand bereits die Neuköllner Döberbuden auftauchen - nach einem fußballspiellangen Redeschwall — wendet er sich erstmals an mich: „Watmachstndueigentlichso?“ Woraufhin ich meinen ersten vollständigen Satz sage: „Ich bin Journalist.“
„Journalist?“ Tunis wiederholt das Wort langsam. Mehr nicht. Und für einen kurzen Moment herrscht tatsächlich Ruhe.