
Wirt Gregori Dracke kredenzt im Alten Kirchkrug in Großsolt ein zauberhaftes Schnüsch.
Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen.
Diese Zeile von Erich Kästner schwirrt durch meinen Kopf, während ich satt und zufrieden im Warmen sitze. Eigentlich müsste ich hungrig und frierend in der Kälte umherirren. Doch heute ist wieder so ein Tag meiner Reise, an dem sich ein Gedanke aufdrängt wie die Teppichhändler in Istanbul: Der Mensch ist gut.
Am Anfang der Geschichte steht dabei Schnüsch, das nicht nur wegen seines flauschigen Namens weit oben auf meiner Speisekarte rangiert. Dieser Gemüse-Milch-Eintopf gilt als Nationalgericht der Region Angeln im Nordosten Schleswig-Holsteins. Indes: An Schnüsch heranzukommen, gestaltet sich äußerst schwierig. So klappere ich zig Restaurants ab, frage bei Lokalzeitung und Tourismusbüro an — alles ohne Erfolg.
In meiner Not wende ich mich an den Heimatverein Angeln und treffe dort auf eine betagte, aber rüstige Dame, die zufällig vorort ist. Schnüsch? Da müsse ich beim Alten Kirchkrug in Großsolt anfragen, rät sie mir.
„Ach ja, Großsolt…“, murmele ich scheinheilig, um mein Unwissen zu kaschieren. Hernach auf der Karte finde ich den Ort erst im dritten Anlauf: ein 1800-Einwohner-Nest im Niemandsland zwischen Flensburg und Schleswig. Und ausgerechnet dort soll ich fündig werden? Im Internet suche ich den Alten Kirchkrug bei Google — Fehlanzeige. Nicht einmal eine eigene Webseite hat der Gasthof, geschweige denn gibt es Kritiken bei den einschlägigen Portalen. Nach langem Zögern greife ich dennoch zum Telefon; ein uninspiriertes Fünf-Minuten-Gespräch später ist der Termin vereinbart. Doch die Zweifel, sie bleiben.
Zwei Tage danach sitze ich im Regionalbus von Flensburg und passiere Ortschaften, deren Namen so eigentümlich klingen wie die Produkte von Ikea: Tastrupfeld, Kleinwolstrup, Kollerup. Im Handy stelle ich den Wecker auf 18.45 Uhr, denn um kurz nach sieben soll mich der Bus zurück nach Schleswig bringen. Es ist die letzte Verbindung an diesem Tag — aber dazu später mehr.
In Großsolt angekommen, wandere ich entlang der menschenleeren Hauptstraße zum Alten Kirchkrug, ein herrliches Landhaus und Dorfgasthof im besten Sinne. Zwei Minuten später sitze ich Wirt Gregori Dracke gegenüber; wiederum zwei Minuten später sind wir beim Du und plaudern so angeregt, als würden wir uns seit Jahren kennen.
Noch einmal: Höchstens fünf Minuten hatte ich mit Gregori telefoniert, ihm etwas vorgestottert von „Buchprojekt“, „landestypische Gerichte“ und „Schnüsch“. Trotzdem lädt er mich ein, opfert seine Zeit und steht geduldig Rede und Antwort. Mehr noch: Nach einer halben Stunde bittet mich Gregori in die Küche, wo mir vor Staunen die Kinnlade auf Bauchnabelhöhe rutscht. Denn dort wartet ein halbes Dutzend Schüsseln mit Bohnen, Erbsen, Karotten, Kohlrabi, Kartoffeln und Petersilie, dazu Milch — also alle Zutaten für Schnüsch. „Ich habe ein bisschen was vorbereitet.“ Gregori grinst. „Wir können doch nicht nur über Schnüsch reden. Du musst es auch kochen und probieren!“
Es folgt eine halbe Stunde, in der ich staunend verfolge, wie Gregori Schnüsch kocht. Und nebenbei eine Scholle brutzelt — schließlich sitzen im Gasthof hungrige Gäste. Und nebenbei seine Lehrlinge anleitet. Und nebenbei mit Ihnen flachst. Und nebenbei mir Kochtipps gibt. Und nebenbei eine Soße anrührt. Und nebenbei das Schnüsch abschmeckt. Und nebenbei eine Anekdote nach der anderen erzählt. Und all das mit einer Gelassenheit, als müsste er nur zwei Butterstullen schmieren.
Kurz darauf sitzen wir im Speisesaal; Gregoris Frau leistet uns für einen Teller Schnüsch Gesellschaft, wenig später der Sohn. Das Rezept hat der Wirt übrigens von seiner Oma: „Als Kinder haben wir im Sommer keine Ruhe gegeben, bis sie das für uns gekocht hat. Dann hat Oma das Gemüse morgens frisch aus dem Garten geholt, und mittags gab es Schnüsch.“
Schnell kommen wir zu einem Thema, das ich auf meiner Reise fast überall antreffe: „Viele Jungen kennen so etwas wie Schnüsch gar nicht mehr. Das sind einfache Rezepte, aber unglaublich lecker“, sagt Gregori. „Da geht viel verloren, die Geschmacksnerven verkümmern. Stattdessen rennen alle zur goldenen Möwe…“
Ich nicke zustimmend — und bin mit meinen Gedanken doch ganz bei diesem Gedicht von einem Gericht, das vor mir in der Schüssel dampft. Das Schnüsch auf Kartoffeln mit Katenschinken schmeckt so dermaßen frisch, gesund und lecker, dass ich nur mit Mühe obszöne Laute der Begeisterung unterdrücke (Das Oma-Rezept werde ich die kommenden Tage hier veröffentlichen).
Erst nach dem zweiten Teller bin ich auch geistig wieder bei Gregori. Inzwischen erzählt er von seinem Kräutergarten, den er mir danach ebenso zeigt wie seine Kakteensammlung und die urigen Festsäle des Gasthofs. Als ich mich schweren Herzens von Gregori, seiner Frau und dem Schnüsch-Topf verabschiede, kann ich kaum glauben, dass mir in so kurzer Zeit so viel Gutes widerfahren ist — denn noch hat der Wecker nicht geklingelt.
Den gemüsigen Geschmack des Schnüschs auf den Lippen schlendere ich vergnügt in Richtung Bushaltestelle, zücke mein Handy — und lasse es vor Schreck fast fallen. Denn auf dem Display leuchten mir die Zahlen 19:21 entgegen. Ein Blick auf den Wecker schafft Gewissheit: Aus Versehen… nein: aus unsagbarer Dummheit habe ich mich um eine Stunde vertan.
Panisch eile ich zur Bushaltestelle, studiere den Fahrplan und finde die nächste Verbindung — um 5.31 Uhr des nächsten Morgens. Ob sonst ein Gefährt zu dieser vorgerückten Stunde — es ist doch erst halb acht! — in Großsolt oder Umgebung verkehrt? Wieder greife ich zum Handy, und wieder will ich es spontan als Beißholz missbrauchen. Denn hier auf dem Land bekomme ich keine Verbindung zum Internet. Was also tun?
Verzweifelt wähle ich die Nummer von Felix, meinem Couchsurfing-Gastgeber in Schleswig. Weiß er Rat? „Ich komme dich einfach abholen.“ Wieder sackt mein Kinn gen Boden ob so viel Hilfsbereitschaft. Denn Felix hat mich tags zuvor bereits auf eine Sightseeingtour durch Schleswig genommen. Und weil er im Internet von meinen Schnüsch-Plänen gelesen hat, obendrein alle Zutaten besorgt, sodass wir das Gericht am Abend kochen konnten (Am Rande bemerkt: Es war lecker, aber beileibe nicht so delikat wie Gregoris Variante).
Nun also steigt Felix nach einem langen Arbeitstag in sein Auto und kurvt eine halbe Stunde durch die schleswig-holsteinische Provinz — nur um einen verirrten Träumer aufzugabeln, dessen Intellekt an der Komplexität einer Digitaluhr scheitert. Und als ich Felix zuhause überschwänglich danken will, winkt er ab, drückt mir ein kühles Pils in die Hand und knippst den Fernseher an — schließlich kämen heute doch die Champions-League-Bayern, und als Münchner wolle ich das sicher nicht verpassen…
Klingt verrückt? Ja! Vor allem wenn man weiß, dass Gregori und Felix nur zwei in einer ganzen Reihe von Menschen sind, die mir auf meiner Reise ihre Hilfe, ihre Zeit, ihre Rezepte, ihr Essen, ihren Rat, ihre Couch als Schlafplatz oder ihren Beifahrersitz zum Weiterkommen angeboten haben.
Und während Ribéry und Ronaldo der Kugel hinterherjagen, muss ich an den Ratschlag von Asif denken, der mich am ersten Reisetag in München aufgelesen hat: „Trage Liebe im Herzen, dann wirst du Liebe ernten.“
Nun mag das schon sein — und ist doch nicht ausreichend als Erklärung. Denn erstens wäre nach dieser Rechnung mein Verhältnis von Ausgaben zu Einnahmen in einem so krassen Ungleichgewicht, dass es selbst Josef Ackermann die Schamesröte ins Gesicht triebe. Und zweitens trage ich derzeit eher weniger im Herzen — sondern reichlich im Magen. Es muss da also noch etwas anderes sein.
Vielleicht ja dies: Der Mensch ist gut.

Frisches Gemüse, Milch und Petersilie auf Kartoffeln: Das ist Schnüsch — und sehr lecker.